Nachhaltigkeit – ein alter Hut? Früher hieß das einfach Qualität.
Dabei geht es mir weder um marketinggetriebene Grünfärberei noch um deren Gegenteil. Vielmehr möchte ich einige unterhaltsame, nachdenkliche und natürlich auch ironische Denkanstöße geben. Es sind Beobachtungen aus dem Alltag – akademisch gesprochen: anekdotische Evidenz.
Zuvor aber noch zwei ernüchternde Fakten zur »Nachhaltigkeit« beim Bauen: 35 bis 37 Prozent unseres Energieverbrauchs in Europa entfallen auf Wohnen und Bauen (Quelle: Build Up, Europäische Kommission). Der Anteil recycelter Baumaterialien beträgt derzeit lediglich ein Prozent. Ähnlich ernüchternd ist, dass wir zwar inzwischen über 50 Prozent unseres Stroms aus erneuerbaren Energien gewinnen, die Gesamtenergiebilanz mit maximal 20 Prozent jedoch mager ausfällt. Wer also der Meinung ist, dass wir keinen erheblichen Handlungsbedarf haben, ignoriert alle Fakten. Und damit ist die Moralkeule auch schon am Ende.
Dieses Thema treibt mich fast mein ganzes Leben um, insbesondere die Frage, wie sich ein »gutes Leben« weniger planetenschädlich gestalten lässt. Davon und von den Fallstricken habe ich bereits im Blogbeitrag »Gutmensch oder CO₂-Sünder – von Stolz und Ernüchterung« geschrieben. Bei einem inneren Streifzug durch die Dinge, die mich umgeben, fällt mir auf, dass auch bei mir viel zu viele Dinge über Tage, Wochen, Monate oder gar Jahre hinweg ungenutzt bleiben. Dazu gehören Kleidungsstücke, Schuhe, Taschen, Küchenutensilien und -maschinen, Werkzeug und Fahrzeuge. Speziell unser 14 Jahre altes Reisemobil, das ursprünglich als Messemobil für das Unternehmen angeschafft wurde, ist unwirtschaftlich und unvernünftig. In unserem Haushalt gibt es also unzählige Beispiele, bei denen man in puncto Nachhaltigkeit die Stirn runzeln bzw. den Zeigefinger heben könnte. Es wäre einfach, ein weiteres Untergangs- und Versagensszenario zu beschreiben. Das würde allerdings nichts zur Problemlösung beitragen und nur Bekanntes ein weiteres Mal der Aufregungsbewirtschaftung zuführen.
Bei der Reflexion meines Konsumverhaltens bin ich unter anderem auf einen »alten Hut« gestoßen, der mich – mal bewusst, mal unbewusst – schon mein ganzes Konsum- und Unternehmerleben lang begleitet: Qualität. Sobald bei Anschaffungen die Qualität in den Mittelpunkt rückt, verändert sich mein Blick. Ich beschäftige mich genauer mit den Dingen, vergleiche und wäge ab. Aus einem spontanen Konsumwunsch wird so eher eine bewusste Investition. Zumindest funktioniert das bei mir häufig so: Viele Wünsche lösen sich dabei in Wohlgefallen auf. Was übrig bleibt, darf sich »Investition« nennen. Cooler Move, oder? ;-)
So habe ich bereits mit 19 Jahren mein sauer verdientes Ferienjobgeld komplett in eine Nikon F3 investiert. Meinen 85 jähriger Vater treibt diese vermeintliche Verrücktheit bis heute um ;-)
Geld habe ich mit meiner Einstellung sehr wahrscheinlich nicht gespart. Aber ich schleppe weniger materiellen Ballast durch mein Leben – und es gibt zumindest weniger ungenutzte Konsumartikel, die mich vorwurfsvoll anschauen. Apropos Nikon: Für die damals 33 Jahre alte Kamera habe ich bei einem Antiquitätenhändler noch 300 Euro bekommen – immerhin ein Drittel des ursprünglichen Neupreises.
Spielverderber meiner Anschaffungs- und Konsumphilosophie sind allerdings häufig software- und IT-basierte Produkte. Hoher Innovationsdruck und kurze Produktzyklen durchkreuzen meinen Wunsch nach langfristiger Nutzung und Werterhalt. Wie sehr die Werthaltigkeit dieser Produkte im Vergleich zu Qualitätsmechanik schwindet, durfte ich unlängst beim Wiederverkauf erleben. Während ich für über 15 Jahre alte Festool-Werkzeuge (voll funktionsfähig) ungefähr die Hälfte des Neupreises erhielt, gab es für fünf Jahre alte Unterhaltungselektronik nicht einmal ein Angebot. Daher sind eine sehr hohe Recyclingquote und eine CO₂-freie/arme Produktion für diese Produkte so wünschenswert wie notwendig. Wie weit Anspruch und Wirklichkeit auseinanderliegen können, zeigt das letzte Beispiel, der Foto-Novelle: das goldene Kalb der Mobilitätsgesellschaft.
Daher richte ich den Fokus auf große und kleine Dinge, die in puncto Nachhaltigkeit ein positives Beispiel bieten. Ihnen allen ist ein einfacher, gemeinsamer Nenner gemein: Qualität im umfassenden Sinne. Neben einer hohen Funktionalität sind das für mich Zuverlässigkeit, Langlebigkeit, Wertbeständigkeit, Reparierbarkeit und wo möglich individueller Zuschnitt. Natürlich hat Qualität ihren Preis und ist nicht immer und in allem für jeden erschwinglich. Mit Luxus ist sie deshalb aber nicht gleichzusetzen. Für mich ist sie vor allem eine Frage der Prioritäten: Was brauche ich wirklich? Worauf kann ich verzichten? Und was möchte ich möglichst lange nutzen?
Aber genug der Vorrede. Die folgende Foto-Novelle erzählt in etwas mehr als 20 Beispielen von sehr großen und sehr kleinen Dingen, die mir bei meinem Streifzug in die Hände gefallen oder in den Sinn gekommen sind. Persönliche Geschichten über Qualität und Nachhaltigkeit – aus ganz unterschiedlichen Blickwinkeln.
Marco
am #Henning
am #Frank Wein
am #Stefan Stiener
am #