Gutmensch oder CO₂-Sünder – von Stolz und Ernüchterung
Wie viele andere private Solaranlagenbetreiber sonnen bzw. sonnten wir uns im Gefühl, etwas Gutes für unsere persönliche sowie die globale CO₂-Bilanz zu tun – Dunkelflaute und Netzausbau-Unfähigkeit hin oder her.
Solange wir nur auf unseren Verbrauch und die Erzeugungs- und Einspeisewerte schauen, herrscht – um im Bild zu bleiben – auch eitel Sonnenschein: Seit dem Bezug unseres Hauses vor neun Jahren haben wir eine positive Bilanz und speisen somit mehr Strom ins Netz ein, als wir beziehen.
Stolz auf unseren Goldstandard
Betrachtet man den Energiebedarf fürs Wohnen, sind wir also vorbildlich – zumindest solange man den CO₂-Rucksack für ein neues Holzhaus sowie die Tatsache, dass das Einfamilienhaus nicht die umweltfreundlichste und sozialverträglichste Wohnform ist, außer Acht lässt. Immerhin haben wir uns für die mit Abstand effizienteste, aufwändigste und kostenintensivste Heizungstechnik entschieden: eine Erdwärmepumpe in Kombination mit einer 10-kW-Solaranlage und einem Batteriespeicher. Freunde von uns haben sich bereits zehn Jahre vor unserem Bauvorhaben für eine solche Lösung entschieden und damit nur gute Erfahrungen gemacht. Und schon immer war »Klimaverantwortung« für uns eine wichtige Sache, frei nach dem Motto: Wohlstand verpflichtet (uns) auch in diesem Bereich. Daher war es nur konsequent, als bei unserem 18 Jahre alten Audi A2 (die 3-Liter Variante) sich die Schäden häuften auf ein E-Auto umzusteigen.
Unser Goldstandard versus Durchschnitt
Es ist gar nicht so einfach, einigermaßen konsistente Zahlen für den durchschnittlichen Energiebedarf für Wohnen und Mobilität zu ermitteln. Für die Grundaussage des Artikels sind absolute Zahlen aber nicht notwendig, eine Größenordnung ist ausreichend.
- Wohnen – Der durchschnittliche Energieverbrauch für einen Zweipersonenhaushalt (Strom, Heizung, Warmwasser und sonstigen Energiebedarf) liegt laut Destatis bei 6.000 bis 6.500 kWh pro Person.
- Mobilität – Laut Kraftfahrt-Bundesamt liegt die jährliche Fahrleistung bei Privatpersonen bei 5.600 km/Jahr, was ganz gut zu unseren 12.000 km/Jahr für das Fahrzeug passt. Umgerechnet auf kWh sind das rund 4.000 kWh pro Jahr und Person (8,0 L/100 km, 1 Liter Benzin entspricht zirka 9 kWh).
- Mobilität + Wohnen – Daraus ergibt sich ein durchschnittlicher Gesamtenergieverbrauch pro Person und Jahr von rund 10.000 kWh.
Verbrauchshistorie und Wechselwirkung
Sobald man eine Solaranlage betreibt, steigt das Bewusstsein für den Energieverbrauch bzw. das Energiemanagement. Man könnte auch sagen, dass Marx und Engels vom Kopf (Bewusstsein → Sein) auf die Füße (Sein → Bewusstsein) gestellt werden. Bei uns ist ein regelrechter Ehrgeiz entstanden, Ertrag und Verbrauch möglichst optimal zu gestalten – selbstverständlich ohne Einschränkungen beim Komfort. Wie die Tabelle und Auswertungen zeigen, hängt unser Verbrauch stark von den Lebensumständen (wie viel Zeit verbringe ich zu Hause, wo lade ich mein E-Auto) und in geringerem Maße vom Klima (Solarertrag und Temperatur) ab.
Für die aktuelle Betrachtung habe ich den Durchschnitt der letzten beiden Jahre verwendet. Unser Energieverbrauch betrug also rund 7.000 kWh, wovon wir nur 2.800 kWh aus dem Netz benötigten. Pro Person macht das 1.400 kWh. Das ist nur ein Bruchteil des deutschen Durchschnittsverbrauchs der inklusive Mobilität bei den oben angenommenen 10.000 kWh liegt.
Fazit: Es ist beeindruckend, welche Reduzierung des Energiebedarfs und Verkleinerung des CO₂-Abdrucks bereits möglich sind, wenn der Goldstandard angewendet wird. Dieser lässt sich zwar nicht überall umsetzen, doch wenn wir uns in unserer unmittelbaren Nachbarschaft bzw. in der Region umschauen, gibt es ungenutzte Potenziale.
Spielverderber Wohnmobil
Natürlich ist unsere CO₂-Bilanz nicht so blütenrein, wie es bisher den Anschein hat. Wie bereits erwähnt, ist ein Einfamilienhaus per se eine CO₂-Sünde. Als gehobene Mittelschichtler belastet unser Konsumverhalten, das statistisch eindeutig mit dem verfügbaren Einkommen steigt, die Umwelt zusätzlich, auch wenn wir überwiegend langlebige Dinge kaufen. Und dann wären da noch unsere Wohnmobilurlaube. Da kommen inzwischen pro Jahr 5.000 bis 8.000 Kilometer zusammen. Das Fahrzeug ist zwar nicht besonders groß, hat aber den cW-Wert einer Schrankwand und verbraucht bei normaler Fahrweise 12 Liter Diesel auf 100 km, also 600 bis 1.000 Liter pro Jahr, was wiederum 6.000 bis 10.000 kWh entspricht. Das bedeutet, dass unser aufwändig minimierter CO₂-Abdruck gleich einige Schuhnummern größer geworden ist und unsere Urlaubsfahrten mit dem Wohnmobil zwei- bis viermal so viel Energie benötigen wie Wohnen und Alltagsmobilität zusammen! So ein Mist aber auch, haben wir uns doch als Zeitgenossen gesehen, die »es kapiert haben«: effizientes Haus, PV, Wärmepumpe, und genau deshalb kratzt diese Diskrepanz so an unserem Selbstbild.
Unser Weg: Ambivalenz aushalten
Hinsichtlich der Haustechnik würden wir heute alles wieder genauso machen, auch wenn die perfekte Haustechnik und das E-Auto das Wohnmobil nicht kleiner machen – sie machen es nur sichtbarer. Es bleibt ein gutes Gefühl, zumindest in diesem Bereich das Beste getan zu haben und einen hohen Standard mit einem geringen CO₂-Abdruck zu realisieren.
Aber ganz klar: Auf unsere Wohnmobilreisen wollen wir nicht verzichten. Wir könnten jetzt argumentieren, dass wir im Vergleich zu den »Anderen« völlig harmlos sind, denn »die« sind 20.000 bis 40.000 km im Jahr unterwegs oder machen zwei bis drei Fernreisen. Und dann sind da noch die Chinesen und die Allerschlimmsten sind bekanntlich die Amerikaner usw. Solche Vergleiche helfen nur kurzfristig, die Dissonanz zwischen eigenem Anspruch und Realität zu dämpfen. Nein, wir müssen das ganz allein vor unserem persönlichen Anspruch vertreten und uns also ehrlich machen, auch wenn es am Selbstverständnis kratzt.
»Der Mensch ist aus krummem Holz geschnitzt«, so auch beim persönlichen Verzicht: Auf Dinge, die mir nicht wichtig sind, kann ich leicht verzichten und mich damit als Gutmensch profilieren. Beispielsweise kann ich leicht auf Fleisch, Flugreisen, große Autos, Mode und epische Ausflüge mit dem Auto verzichten. Auf unser Haus, schöne Dinge, gutes Werkzeug, meine Apple- und Canon-Gerätschaften und unsere Wohnmobilreisen hingegen eher nicht. Genau hier liegt die Täuschung: Leichte Verzichte inszenieren wir als Großtat, schmerzvolle umgehen wir.
Nun, liebe Freunde der gepflegten Unterhaltung, wie im echten Leben ist auch das Thema CO₂ vieldeutig, komplex und ambivalent. Moralische Überlegenheit oder Schuldzuweisungen sind fehl am Platz, denn die meisten von uns leben widersprüchlich. Eine gewisse Toleranz gegenüber verschiedenen CO₂-Lebensentwürfen hilft uns allen. Vielleicht ist es das Ehrlichste, was wir tun können: unsere Widersprüche nicht zu verdrängen, sondern sie bewusst zu tragen – und trotzdem Schritt für Schritt besser zu werden, ohne uns selbst zu verachten oder zu feiern.
Aebby
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