Das Prinzip guter Arbeit: Handwerk
Doch Handwerk lässt sich auch als etwas Grundsätzlicheres verstehen: als Prinzip guter Arbeit. Ein kleines Bauprojekt hat mir das wieder vor Augen geführt.
Überdachung – einfach, aber nicht leicht
Seit Jahren überlegen wir, wie sich unser Westbalkon sinnvoll überdachen lässt. Ohne Schutz ist er kaum nutzbar. Gleichzeitig sollte die Lösung nicht wie ein nachträglich drangepfriemelter Fremdkörper wirken. Die Aufgabe schien zunächst sehr einfach, erwies sich aber als erstaunlich komplex: Selber machen oder machen lassen? Welches Material für Konstruktion und Dach? Statik? Aufbau und Transport mit Muskelkraft? Einfache Umsetzbarkeit? Und natürlich die Kosten.
Kurz bevor wir uns resignierend für ein Sonnensegel entschieden hatten, war die Lösung »plötzlich« da. Die ganzen Vorüberlegungen und Entwurfsvarianten mündeten in eine schlichte Stahlkonstruktion aus zwei Grundrahmen, einer Nebenträgerlage und einer Dachdeckung aus Trespa-Platten. Wie immer bei guten Lösungen ist sie von irritierender Selbstverständlichkeit, im Sinne von: Genau so.
Auch wenn wir solche Projekte selbst planen und mit CAD ausarbeiten, sind wir auf die Expertise eines Metallbauers angewiesen. Er muss unsere Idee verstehen und fachgerecht wie gestalterisch überzeugend umsetzen. In unserer bisherigen Bauherren-Vita haben wir ebenso viele positive wie negative Erfahrungen mit Handwerkern gemacht – Stichwort: Bauen ist Grauen.
Bei unseren bisherigen Schlosser- und Metallbauprojekten – anfangs Schlosserei Schmoll, heute Metallbau Theurer – haben wir hingegen ausschließlich positive Erfahrungen gemacht. So auch dieses Mal. Die Umsetzung der Überdachung erfüllte von Anfang bis Ende alle Aspekte von »guter Arbeit«: Sorgfalt, Erfahrung, Verständnis und den Anspruch, eine Sache um ihrer selbst willen gut zu machen.
Prinzip Handwerk – Kopf, Hand und Haltung
Genau hier setzt Richard Sennett in seinem Buch »Handwerk« an. Er beschreibt Handwerk nicht als Beruf, sondern als innere Haltung, die in dem Bedürfnis zum Ausdruck kommt, eine Arbeit gut zu machen – unabhängig vom Tätigkeitsfeld. Diese Haltung findet sich nicht nur bei klassischen Handwerkern, sondern auch bei Dirigenten, Programmierern, Chirurgen oder Gestaltern.
Zentral ist dabei das Zusammenspiel von Hand und Kopf, das sich auch in unserer Sprache widerspiegelt. Wir sprechen davon, Dinge zu »begreifen«, Themen zu »handhaben« oder Sachverhalte zu »erfassen« – und wir erkennen sofort einen »handwerklich« gut gemachten Text. Auch für Immanuel Kant gilt »Die Hand ist das Fenster zum Geist«.
Praktisches Tun und reflektierendes Denken sind demnach keine Gegensätze, sondern bedingen einander. Können entsteht nicht durch Talent allein, sondern durch Übung, Wiederholung und die Bereitschaft, aus Fehlern zu lernen. Man denke nur an Tänzer, Musiker, Sportler … Erst durch Erfahrung und Reflexion wird Routine zur Meisterschaft. Ich vermute, dass sich jeder von euch, liebe Freunde der gepflegten Unterhaltung, hier zum Teil oder voll und ganz wiederfindet bzw. gerne wiederfinden würde …
Diese Perspektive hat mir geholfen, meine lange empfundene Heimatlosigkeit und Nichtzugehörigkeit in Bezug auf meine eigene Arbeit besser zu verstehen. Ich habe mich lange zwischen verschiedenen Kategorien bewegt: Weder war ich eindeutig Handwerker, noch klassischer Unternehmer oder Kreativer. Sennetts Ansatz löst diese Zuordnung auf. Entscheidend ist nicht die Rolle, sondern die Haltung zur Arbeit.
Dabei wird auch deutlich, was gutes Arbeiten nicht ist. Der oft beschworene Perfektionsanspruch führt in die Irre. Perfektion schließt Abweichung aus und damit genau jene Prozesse, durch die Qualität überhaupt erst entsteht. Gute Arbeit ist demnach nicht fehlerfrei, sondern sorgfältig, lernfähig und offen.
Gute Arbeit ist humane Arbeit
Interessant wird Sennetts Perspektive im größeren Kontext. In vielen Bereichen stehen heute Effizienz, Geschwindigkeit und Anpassungsfähigkeit im Vordergrund. Qualität, Zeit zum Lernen und die Entwicklung von Können geraten dabei leicht ins Hintertreffen. Das führt nicht nur zu schlechteren Ergebnissen, sondern auch zu einem Verlust an Sinn. Und dabei haben wir noch gar nicht darüber gesprochen, ob wir überhaupt die richtigen Dinge tun – und die Dinge richtig tun.
Fakt ist: Gute Arbeit braucht entsprechende Rahmenbedingungen. Zeit, Kontinuität und die Möglichkeit, sich zu vertiefen. Fehlen diese, bleibt selbst hohe Motivation wirkungslos. Das Problem liegt dann nicht beim Einzelnen, sondern in der Organisation von Arbeit.
Gerade vor dem Hintergrund aktueller technologischer Umbrüche stellt sich die Frage neu, welchen Stellenwert diese handwerkliche Haltung künftig haben kann. Vielleicht liegt eine Chance darin, Arbeit wieder stärker vom Ergebnis her zu denken – nicht als reines Funktionieren, sondern als Prozess, in dem sich Qualität entfalten kann. Denn derzeit wird viel über mehr und längere Arbeit gesprochen, aber zu wenig über bessere Arbeit, die Können und Wollen voraussetzt.
Als Unternehmer und Arbeitgeber habe ich mich selbst jahrzehntelang in diesem Spannungsfeld bewegt und versucht, ein Umfeld für »gute Arbeit« zu schaffen – mal mehr, mal weniger erfolgreich. Das waren zum einem hausgemachte Gründe, aber auch gesamtgesellschaftliche und Strukturelle Entwicklungen, die den Blick dafür verstellen, die richtigen Dinge zu tun und die Dinge richtig zu tun. Der skeptische Optimist in mir kann sich jedoch vorstellen, dass uns eine dem Menschen dienliche KI dabei helfen kann die Spreu vom Weizen zu trennen und Arbeit so zu organisieren, dass sie sowohl dem Menschen als auch dem Ergebnis gerechter wird.
Das Prinzip des Handwerks wäre dann kein nostalgischer Rückblick, sondern ein zukunftsfähiges Modell. Eines, das Arbeit nicht nur effizient, sondern auch sinnvoll und menschlich macht.
Marcus Schörk
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