StorytellingStefan Stiener

Cécile Verny – Konzertrückblick und Ode an die Power

09.10.2026 |

Selbst bei musikaffinen Menschen steht Jazz unter dem Vorbehalt, anstrengend, wenn nicht gar nervig zu sein.

Umgekehrt ist es jedoch auch so, dass Hardcore-Jazzern alles, was keine harmonisch riskante Avantgarde oder ausgedehnte Improvisationen umfasst, als Hintergrundmusik gilt. Das Cécile Verny Quartet ist in dieser Hinsicht ein Systemsprenger der besten Art.

Cécile Verny

Die Sängerin Cécile Verny kam im Alter von zwölf Jahren von der Elfenbeinküste nach Frankreich. Sie hat sich ihren musikalischen Ausdruck autodidaktisch erarbeitet: durch geduldige, langsame und zähe Arbeit, durch Auftritte in Clubs und auf Festivals, durch Beharrlichkeit – und das, obwohl sie keine formale Gesangsausbildung genossen hat. Wahrscheinlich sind ihr deshalb alle Starallüren fremd. Obwohl die charismatische Sängerin klar im Vordergrund steht, agiert das Quartett als harmonische Einheit. Die Songs sind von unterschiedlichsten Musikgenres geprägt, sodass die Band auch Randbereiche des Jazz gekonnt ausleuchtet, wobei Vernys Gesang wie eine große Klammer wirkt. Die Musiker, die ebenfalls alle komponieren beziehungsweise die Songs gemeinsam mit Cécile Verny entwickeln, begleiten die Sängerin mit einfühlsamer Intensität – quasi »im Dienst der Stimme«. Dennoch ist unübersehbar – und hörbar –, dass es sich bei Andreas Erchinger, Bernd Heitzler und Lars Binder um versierte Solisten handelt. Ein echter Konzert-Höhepunkt also.

»Von Gospel über Funk bis zum Pop reicht das Spektrum, das Verny mit ihrem ausdrucksstarken Gesang zusammenhält. Sie scheint jeden Ton aus der Tiefe ihres Körpers zu holen, wenn sie lustvoll scatted, voller Zärtlichkeit eine Ballade anstimmt oder kraftvoll aufschreit.«
DIE JAZZZEITUNG

Drei Herausforderungen

Ich hatte an dem Abend mit drei Herausforderungen zu kämpfen. Da war zum einen die Blitzerkältung, die mich einen Tag vor dem Urlaubsantritt erwischt hatte. Zum anderen war da die besonders schummerige Lichtsituation im Forum und nicht zuletzt der sirenenhafte Sog der Sängerin. Insbesondere die ersten beiden Punkte waren sehr frustrierend, da ich mir für den Abend ein umfangreiches Fotoprogramm vorgenommen hatte. Doch bereits beim ersten Stück wirbelte Cécile Verny über die Bühne, sodass selbst bei offener Blende mit dem Canon RF 70 bis 200 mm F4L IS USM und ISO 3.200 nur schemenhafte Bilder möglich waren. Die statischeren »Motive«, also Pianist, Bassist und Schlagzeuger, waren auch keine Alternative, da sie regelrecht im »Schatten« lagen. Und dann war da noch das Black-Forest-Plakat im Hintergrund mit hautfarbener Schrift. Immerhin war die Musik super. Irgendwann hat dann das Erkältungsmittel gewirkt, ich habe die ISO-Zahl beherzt nach oben geschraubt – die Software wird es schon richten – und losgelegt. Ach herrje, fast hätte ich die dritte Herausforderung vergessen. Irgendwann ist mir aufgefallen, dass sich das Objektiv wie fremdgesteuert magisch von Cécile Verny angezogen wurde. Irgendein Sirenengesang war da im Spiel. Und ein Mast war weit und breit nicht in Sicht. Zwischendurch habe ich mich gefragt, ob das einem weiblichen Fotografen auch so gehen würde ;-)

Ende gut, fast alles gut!

Erstaunlicherweise sind doch einige ganz passable Aufnahmen entstanden. Zu meiner Überraschung hatte der fotografische Chronist ab und an die Oberhand, sodass sich nicht nur Bilder von Cécile Verny auf der Speicherkarte befinden. Zu meiner Entlastung möchte ich nochmals anmerken, dass sie ein äußerst präsentes und »dankbares« Fotomotiv ist und zudem am besten ausgeleuchtet war. Apropos Licht und Schatten: Beim Abbau bestätigte mir ein professioneller Veranstaltungstechniker, dass meine Kritik an der Ausleuchtung nicht aus einer Fotografen-Hybris entspringt, sondern durchaus berechtigt ist. Zumal sich da mit vergleichsweise wenig Aufwand viel erreichen ließe. Und am Geld kann es nicht liegen, wenn man sich als Kultur- und Hermann-Hesse-Stadt eine Spaß- – pardon – Mobilitätsrutsche für 600.000 Euro leistet ;-)

Konzerteindrücke:

Komfortzone verlassen und A… hochkriegen

Wenn ich die Auftritte des laufenden Jahres bei »Jazz am Schießberg« Revue passieren lasse, dann gilt hier Ähnliches wie für das Cécile Verny Quartet und einen Großteil der Jazzszene: Jazz ist nicht anstrengend oder gar nervtötend, wie viele vermuten. Er ist vielmehr facettenreich, überraschend, virtuos, aufregend, genreübergreifend und immer leidenschaftlich – zumindest für alle, deren Horizont über die persönliche Komfortzone hinausgeht. Was kann also jeder Einzelne tun, damit diese wertvolle Szene auch außerhalb stark beworbener Festivals existieren kann? Die Antwort ist einfach: den Arsch hochkriegen und die Konzerte in den vielen lokalen Jazzklubs, wie z. B. »Jazz am Schießberg«, besuchen ;-)

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