StorytellingStefan Stiener

Le Corbusier – die ideologische und die poetische Seite einer Architekturikone

11.09.2026 |

Auf dem Hin- und Rückweg in unseren Provence-Urlaub haben wir zwei Sakralbauten von Le Corbusier besucht – und dabei Eindrücke gewonnen, die kaum gegensätzlicher sein könnten.

Das weniger bekannte Kloster »Sainte-Marie de La Tourette« in den Hügeln bei Lyon und die Ikone »Notre-Dame-du-Haut« in Ronchamp, am Rand der Vogesen, sind das Werk eines Architekten, der wie kaum ein anderer für die Licht- und Schattenseiten der Moderne steht.

In einer Arte-Reportage wurden in La Tourette gemachte Filmaufnahmen gezeigt, die mich so faszinierten, dass ich dieses Gebäude unbedingt einmal besichtigen wollte, zumal es von einem der einflussreichsten Architekten des 20. Jahrhunderts stammt. Zu meiner Überraschung liegt das Gebäude unweit von Lyon und somit an einer typischen Urlaubsroute in die Provence. Und im Frühjahr 2026 ergab sich die Gelegenheit, das Kloster im Rahmen unseres Provence-Urlaubs zu besuchen.

Le Corbusier

Klar, Le Corbusier gehört im Architekturstudium zum Pflichtprogramm. Der schweizerisch-französische Architekt, Maler, Möbel- und Farbdesigner gilt als einer der einflussreichsten Pioniere der modernen Architektur des 20. Jahrhunderts. Er hat das Bauen der Moderne tiefgreifend verändert und dafür eine »bemerkenswert« geschlossene Ideologie entwickelt. Diese zielt auf den »modernen Menschen«, dessen Körper und Alltag durch architektonische Ordnung geformt werden sollen. Sein Modulor, eine auf dem Goldenen Schnitt und dem menschlichen Körper basierende Proportionslehre und ein universelles Maßsystem, »reduziert« den Menschen auf ein normiertes Maßbild. Die »Wohnmaschine« organisiert das Leben als funktionale Abfolge und die funktionale Stadt trennt die Lebensbereiche in klar definierte Zonen. Aus heutiger Sicht wirkt dieses Programm überholt und, gelinde gesagt, etwas skurril. In dieselbe Kategorie fällt Le Corbusiers Bemühen, seinen antihistorischen und funktionalen Städtebau Stalin und Mussolini schmackhaft zu machen.

Le Corbusier-Einflüsse: Eine der farbigen »Ecken« im Velotraum-Betriebsgebäude (2009 Rad&Reise-Veranstaltung), die es schon auf sechs unterschiedliche Farben gebracht hatte.

Diese »schräge« Seite des Architekturpioniers war mir nicht mehr präsent, als wir den Besuch von La Tourette planten. Vielmehr hatte sich in mir ein diffuses und unreflektiertes »Markenbild« von Le Corbusier festgesetzt, geprägt durch ikonografische Fotos, Zitaten und nicht zuletzt seinen Farben. In unserem Geschäfts- und Wohngebäude verwenden wir rund zwei Dutzend dieser wunderbar komponierten Farbtöne, die so gar nichts Ideologisches an sich haben.

La Tourette, ein Ideologiebauwerk?

La Tourette liegt ziemlich versteckt in den Hügeln und unsere Anfahrt führte an diesem regnerischen und kühlen Sonntag über enge und kurvige Straßen dorthin. Entgegen zu Ronchamp ist der Zugang zum Gebäude völlig frei und offen, eine Besichtigung ist aber nur im Rahmen einer der wenigen Führungen möglich. Bereits von außen ist das Bauwerk – landschaftlich wunderschön gelegen – eine Herausforderung: Architektonisches Meisterwerk oder hässlicher Abrisskandidat? Wie würde man das Bauwerk wahrnehmen und einordnen, wenn es nicht von Le Corbusier wäre? Und ist es bereits ein Euphemismus, wenn man La Tourette als »spirituellen Brutalismus« bezeichnet bzw. überhöht?

Eine nüchterne Beschreibung könnte so lauten: La Tourette gilt vielen als Inbegriff des »reinen« Le Corbusier – ein streng kubischer, auf Pilotis (schlanken Säulen) erhobener Betonkomplex mit klarer Funktionsgliederung (Zellen, Refektorium, Bibliothek, Kapelle), puristischen Formen und einem kontrollierten System von Lichtöffnungen. Hinzu gesellt sich Askese als räumliche Ideologie: Alles ist auf das »existenzielle Minimum« reduziert. Komfort, Ornament, Wärme werden bewusst geopfert zugunsten geistiger Konzentration und Ordnung. Die Zellen sind standardisierte Betonröhren nach Modulor-Maß – also winzig! Der Mönch ist ein normierter Benutzer eines räumlichen Programms, nicht ein individuelles Subjekt mit wechselnden Bedürfnissen. Architektur ist vielmehr der Raum für die Abläufe der Liturgie, die minutiös nach den Regeln des heiligen Benedikt geordnet ist. Die umgebende Landschaft erscheint als Matrix und nicht als Lebensraum. Das Kloster steht als Solitär im Hang, stark vom Gelände abgehoben, und die Natur wird gerahmt und gefiltert, nicht durchlässig erlebt. Die Rohheit des »Béton Brut« und die Strenge des Rasters inszenieren eine geistige Ordnung, die den Menschen erziehen will, statt ihm zuzuhören.

Bei Thomas Kessler habe ich noch folgende Beschreibung gefunden: »Hier liegt eine tiefe Bedeutung der Eigenschaft des Raumes im Spätwerk Le Corbusiers. Seine Architektur wird erregend, verläßt die Ebene der Zurückhaltung und der Aufgabe nur dienend zu sein. Le Cor-busiers Architektur des Spätwerkes ist bohrende Forderung, bis zur Agonie. Die Vielfalt der Motive der Bewegung, der Reichtum der Bildsprache, Architektur als Suche des Geistes, so entsteht dies Kloster in der brutalen Kargheit des Materials, Spiegelbild der Besitzlosigkeit der Mönche.«

Nach der hektischen und unvollständigen Führung, bei der sowohl der Zellentrakt als auch die Dachterrasse ausgelassen wurden, war vor allem ich wie vor den Kopf gestoßen. La Tourette machte auf mich einen sehr strengen, dogmatisch-durchdachten, brutalen und rohen Eindruck. Andererseits ist diese Mischung auch faszinierend und anziehend, zumindest für Menschen mit einem Faible für Architektur. Meiner Meinung nach – Patricia sieht das etwas weniger radikal – geht in La Tourette das Dogmatische des Glaubens und das Ideologische des Architekten eine unheilvolle Allianz ein. Es wirkt auf mich weniger wie ein spiritueller Ort als vielmehr wie ein Erziehungslager in »Brut«. Dabei bin ich vom »Rohen« durchaus angetan, und im Gartengeschoss unseres Hauses sind wir von Sichtbetonwänden umgeben. In La Tourette entfaltet das Rohe jedoch sehr selten seine Qualitäten. Vielmehr entsteht ein nachhaltiger Eindruck von Schlampigkeit und Dilettantismus. Dieser Eindruck ist für mich viel präsenter als der hochkodierte Symbolismus und die vielen bewusst gestalteten Elemente. Eventuell hätte eine bessere Führung diesen Eindruck relativieren können. So ist La Tourette für mich eine Architektur, in der man nur leben kann, wenn man diese Ideologie teilen möchte: dass radikale Reduktion und Abstraktion den Menschen zu höherer Geistigkeit führen. Das war zur Bauzeit von La Tourette schon überholt, weshalb es nicht überraschend ist, dass das Gebäude nur kurze Zeit bestimmungsgemäß genutzt wurde und heute quasi leer steht. Vielleicht ist La Tourette weniger ein Denkmal als ein Mahnmal ;-)

Ronchamp, gebaute Poesie?

Während unseres Aufenthalts in der Provence hat mich das Gesehene immer wieder beschäftigt, zumal auch in der Sehnsuchtsregion mit ihren traumhaft schönen, historischen Ortskernen das Versagen bzw. der Missbrauch der »Klassischen Moderne« allgegenwärtig ist: Ein allgegenwärtiger Flächenfraß von austauschbaren, banalen und unästhetischen Gebäuden unter dem Deckmantel der Rationalität und Funktionalität. Doch zurück zu Le Corbusier, dem ich in meinem Wertesystem nochmals eine »Chance« geben wollten. Und was wäre dafür besser geeignet als Ronchamp, ebenfalls unweit unserer Reiseroute gelegen.

Als wir am späten Nachmittag unser Fahrzeug auf dem leeren Parkplatz abstellten, war es für eine Besichtigung zu spät. Einen freien Zugang zur Kirche gibt es nicht mehr. Ein Besucherzentrum und das von Renzo Piano erbaute Kloster umgeben die Kirche wie ein Schutzwall; lediglich einer der Türme ragte über die Bäume hinaus. Die vorgesehenen Wohnmobilstellplätze waren nur noch rudimentär vorhanden, aber um 18 Uhr waren wir ohnehin die einzigen hier oben. Wir stellten uns auf den am wenigsten schrägen Parkplatz, um dort zu übernachten. Am nächsten Morgen gehörten wir zu den ersten Besuchern und konnten dieses skulpturale Gesamtkunstwerk, das sich so ikonografisch auf dem Hügel erhebt, völlig ungestört auf uns wirken lassen.

Le Corbusier entwarf mit der Wallfahrtskirche Notre-Dame-du-Haut in Ronchamp eine sehr freie, skulpturale Form statt eines streng rationalen Gebäudes. Hier lässt sich der Einzug organisch geschwungener, geradezu plastischer Formen in Le Corbusiers Architektur bewundern, denn bei der Wallfahrtskirche Notre-Dame-du-Haut wird radikal mit der rein rechtwinkligen Geometrie gebrochen. Typisch sind die dicken, geschwungenen Betonwände, die unregelmäßigen Fensteröffnungen und das massive Dach, das optisch über den Wänden zu schweben scheint. Im Gegensatz zu La Tourette wirkt Ronchamp auf den ersten Blick nicht verstörend, sondern vereinnahmend und betörend – selbst auf Menschen ohne Architekturhintergrund.

Ein weiterer Unterschied zu La Tourette ist, dass Ronchamp auch ohne »Verstehen« wirkt. Während sich bei La Tourette Verständnis und Akzeptanz erst durch die Kenntnis der architektonischen und religiösen Hintergründe einstellen, wirkt Ronchamp auch ohne viele Worte und ohne tieferes Verständnis. Dadurch wirkt Ronchamp weniger elitär und abweisend, ohne profan, effekthascherisch oder oberflächlich zu sein. Hier kommt etwas zur Wirkung, das vielleicht wirklich große Architektur ausmacht. Sie berührt und erreicht viele Menschen auf unterschiedlichsten emotionalen und kognitiven Ebenen. Zu Recht wird Ronchamp als Schlüsselwerk der Nachkriegsmoderne bezeichnet. Es zeigt, dass Sakralarchitektur im 20. Jahrhundert nicht nur funktional, sondern auch poetisch und emotional sein kann.

Anschließend haben wir uns das von Renzo Piano geplante und 2011 eröffnete Klarissenkloster angeschaut. Es schmiegt sich unterhalb von Ronchamp fast unsichtbar um und in den Hügel. Wir empfanden diese hochumstrittene Baumaßnahme als gelungene Erweiterung der Pilgerstätte mit einer eigenständigen Architektursprache. Es bildet eine architektonisch-funktionale Fassung der Wallfahrtskirche Notre-Dame-du-Haut. Das Besucherzentrum selbst ist weniger ambitioniert, nicht zuletzt wegen des fehlenden gastronomischen Angebots und der Mitarbeiter im Dienst-nach-Vorschrift-Modus.

Der Besuch von Ronchamp war eine gute Entscheidung und hat uns mit dem Stararchitekten der Moderne, der sich selbst als »der größte lebende Architekt der Welt« bezeichnete, etwas ausgesöhnt. Le Corbusier hat als Architekt zweifellos viele neue Impulse für die Architektur gesetzt. Dabei war er aber auch nicht zimperlich, um nicht zu sagen rücksichtslos, gegenüber seinen Bauherren und den menschlichen Bedürfnissen – nicht nur mit seinem antihistorischen und funktionalen Städtebau. Eine Lichtgestalt oder Ikone der Architektur kann er für mich persönlich nicht mehr sein, dafür fehlt mir die persönliche Integrität. Aber ich werde sicherlich weiterhin seine »wirklichen« Meisterwerke genießen und bewundern können.

Literaturtipp zur Architekturikone. Winfried Nerdinger: »Le Corbusier«. Architekt, Künstler, Visionär. C. H. Beck Verlag, München 2026, 128 S., Abb., broschiert, 16 EUR.

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