»Klein, fein und speziell« – Spezialradmesse SPEZI
Durch einen E-Mail-Wechsel mit dem ehemaligen VSF-e.V.-Vorstand Albert Herresthal (»sehen wir uns auf der Spezi«) ist diese Messe, auf der wir früher selbst ausgestellt haben, wieder in mein Bewusstsein gerückt. Ich dachte mir, es wäre doch nett, wieder in die Atmosphäre der SPEZI einzutauchen.
Außerdem wollte ich mir ein Bild von der Stimmung und dem Zustand der Branche machen – und zwar mit Informationen von Partnern, mit denen ich viele Jahre zusammengearbeitet habe. Denn seit über zwei Jahren scheint die Branche kein Rezept zu finden, um aus der Zeit nach Corona und den vielfältigen Folgekrisen herauszukommen. Etwas Bedenken hatte ich hinsichtlich des neuen Standorts der Messe Freiburg. So sehr es für uns Aussteller auch eine Zumutung war, in dem »Fuchsbau« der alten SPEZI von Hardy Siebecke in Germersheim auszustellen, die Atmosphäre war dafür einmalig und bezaubernd. Allein die Konzentration von so vielen »Fahrradspinnern« auf so kleinem Raum war weltrekordverdächtig ;-)
Standort Freiburg
Als ich am Sonntagmorgen das zu 100 Prozent solargeladene E-Auto auf dem fast noch leeren Parkplatz direkt vor den Messehallen abstellte, fiel mir gleich ein Vorteil des neuen Standorts auf. Es gibt viel Platz für die Fahrzeuge von Besuchern und Ausstellern direkt vor der Messehalle. Genauso praktisch ist die Stadtbahnhaltestelle direkt vor der Messe. Außerdem gibt es recht passable Radwege. Die Freiburger Messe ist zwar erheblich kleiner als die Messe in Frankfurt, dennoch bestand das Risiko, dass die SPEZI mit ihren 132 Ausstellern auf dem Gelände untergeht.
Diesem Risiko haben die Veranstalter gut entgegengewirkt, indem sie die Ausstellung, das zugehörige Freigelände und den großen Probefahrparcours um die zwei Ausstellungshallen gruppierten. Das hat kurze Wege und eine einfache Orientierung zur Folge. Auch die Eintrittspreise, Parkgebühren und die Preise im Gastronomiebereich sind besucherfreundlich – zumindest, wenn man den Eurobike-Maßstab in Frankfurt als Vergleich heranzieht. Auch wenn der charmante Kuschelfaktor der Germersheimer SPEZI hier nicht anzutreffen war – den Standort Lauchringen habe ich nie besucht –, habe ich mich auf der Freiburger SPEZI sofort wohlgefühlt. Für mich war sofort und implizit spür- und sichtbar, dass hier vor allem Überzeugungstäter am Werk sind, die für ihre Nischen- und Orchideenprodukte brennen. Das ist ein sehr wohltuender Kontrast zum Gigantismus und zur reinen Geschäfte-Mentalität einer Leitmesse wie der Eurobike.
Auf der Messe
Zur ersten Orientierung wollte ich mich einfach durch die beiden Hallen treiben lassen. Allerdings blieb ich schnell bei bekannten Gesichtern hängen. So kam ich unter anderem mit Uwe von »Tern«, Frank von »Busch+Müller«, Joachim von »Fahrer«, Stefan von »Radkutsche«, Frank von »Rohloff, Wilfried und der Standmannschaft von »SON«, Christoph von »Biketechnology« aus Weil der Stadt sowie Jürgen von »Velobiz« ins Gespräch. Dabei habe ich einen guten Eindruck davon gewonnen, wie es zumindest in diesem Teil der Branche aussieht. Resümierend – ohne die vielen vertraulichen Insidergeschichten – kann man sagen: Alle haben schwierige Zeiten gemeistert und blicken vorsichtig optimistisch nach vorne. Dabei sind die Bewältigungsstrategien von unterschiedlichster Art. Busch+Müller beispielsweise: Aufgrund ihrer hohen Expertise statten sie inzwischen auch BMW-Motorräder mit Lichttechnik aus ;-)
Wer tiefer in dieses Thema einsteigen möchte, dem sei der Podcast »Auf Touren? Wirtschaftsfaktor Fahrrad« des WDR empfohlen. Er bietet viele Hintergrundinformationen und Blicke hinter die Kulissen.
Doch nun zurück zur Messe und zu den Spezialrädern. Einmal mehr fand ich es faszinierend, wie hoch das technologische Niveau, wie groß die Kreativität und wie grenzenlos der Enthusiasmus bei diesen vermeintlichen »Exoten« ist. »Geht nicht« scheint es nicht zu geben und für jedes Handicap oder jede Anforderung wird eine Lösung gesucht und gefunden. Hier wird die vielbeschworene Mobilitätswende, die ja eigentlich nur Altes neu verpacken möchte, für mich sichtbar und greifbar. In der Fotogalerie »Rundgang über die Messe« habe ich versucht, etwas von dieser Geisteshaltung einzufangen.
Noch ein kurzer Einschub in Sachen Verkehrsinfrastruktur: Was sowohl dem Spezialrad als auch dem Normalrad fehlt, ist die passende Infrastruktur, die selbst im grün regierten Baden-Württemberg nur im Schneckentempo vorankommt. Ein Beispiel aus meiner Region: Die Hermann-Hesse-Bahn wird für fast 300 Millionen EUR reaktiviert, während das hiesige Radwegenetz (überwiegen nicht befestigte Forstwege) eine gefährliche Zumutung bleibt. Aber das soll einmal eine eigene »Story« werden.
[ 01 ] Rundgang über die Messe
Resümee
Zurück zum Thema. Wie zu erwarten war, kann Freiburg nicht ganz mit dem improvisierten und leicht chaotischen Charme von Germersheim mithalten. Zudem hatte ich den Eindruck, dass die ganz wilden, um nicht zu sagen versponnenen Kreationen dieses Mal nicht dabei waren. Das hat die SPEZI noch ein wenig bunter und spezieller gemacht. Das war allerdings auch eine andere Zeit mit völlig anderen Rahmenbedingungen. Die aktuelle Freiburger SPEZI ist eine wunderbare Messe mit einer besonderen Energie, die aus der Überzeugung und dem Glauben an eine humanere Mobilität gespeist wird. Diese Geisteshaltung ist regelrecht ansteckend. Man kann die SPEZI aber auch als Exkursion aus der eigenen Komfortzone heraus in eine andere Welt besuchen und bewundernd sowie anerkennend staunen.
Ich persönlich könnte mir unter dem Claim »Spezialrad« noch die eine oder andere Erweiterung vorstellen, beispielsweise fundiert praktizierte Fahrradergonomie, also das Gegenteil des hiesigen Ergonomie-Marketings. Oder mehr »Spezial« aus dem normalen Fahrradbereich, sofern es das enorme und ungenutzte Potenzial des Fahrrads als wichtigen Mobilitätsbaustein fördert.
[ 02 ] Auf der Teststrecke
»Imagine …« Beim Bearbeiten der Bilder ging mir der Gedanke durch den Kopf, wie der urbane Raum wohl aussehen würde, wenn solche Fahrzeuge den öffentlichen Raum prägen würden und nicht unsere aktuellen Zwei-Tonnen-Monster mit Raubtiergesicht …
Anmerkung zu den Bildern – Leider habe ich für das Fotografieren keinen Standort gefunden, von dem aus die Lichtrichtung und die Fahrrichtung stimmten bzw. ein freies Blickfeld herrschte. Daher müsst ihr, liebe Freunde der leichten Unterhaltung, mit dem Falterband im Bild leben und auf »mitgezogene« Aufnahmen verzichten. Vielleicht kann dies von Veranstalterseite für nächstes Jahr optimiert werden ;-)
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Aebby
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