StorytellingStefan Stiener

Gruppenfoto – ein Akt zwischen »Muss das sein?« und Freude

14.08.2026 |

Das Gruppenfoto nimmt sowohl bei den Fotografierten als auch bei den Fotografen eine ambivalente Stellung ein.

Insbesondere die immer gleichen Gruppenfotos mit offiziellem Charakter sind dafür ein Beispiel. Man denke nur an die obligatorischen Gruppenfotos mit politischem, wirtschaftlichem oder gesellschaftlichem Hintergrund.

Gruppenfoto – von der Pflicht zur Kür

Die Herausforderung besteht meist darin, eine bestimmte Anzahl von Menschen so zu fotografieren, dass alle erkennbar sind und niemand in der Nase bohrt, die Augen geschlossen hat oder mit seinem Nachbarn quasselt. Bei Gruppen von mehr als 20 Personen empfehlen Routiniers, mindestens 100 Bilder zu machen, um das Minimalziel zu erreichen. Solche Bilder sind für die Beteiligten zwar meist uninteressant, bieten dem Betrachter jedoch einen gewissen Informations- und Unterhaltungswert, wenn die Großen der Welt unverkennbar klein geraten sind oder das Gegenteil der Fall ist und ausgemachte Riesenbabys und Egos die Szene beherrschen. Aber, bekanntlich existiert nichts ohne sein Gegenteil. Am anderen Ende der Gruppenbild-Skala rangiert das weltberühmte und ikonografische Gruppenbild »Lunch atop a Skyscraper«, dem eine entfernte Verwandtschaft zu Leonardos »Letztes Abendmahl« attestiert wird (FAZ, 25. Juli 2026). Die größte Relevanz entfalten Gruppenbilder wahrscheinlich bei späterer Betrachtung – Jahre und Jahrzehnte später – quasi als historisches Dokument.

Meine kleine Gruppenfoto-Geschichte

Kurzum, das Spielfeld war abgesteckt, als mich Ulrike, eine der Organisatorinnen von »seite.an.seite«, fragte, ob ich nicht ein Gruppenfoto von ihrem Organisationsteam machen könnte; ihr habe mein Gruppenbild von »Jazz am Schießberg« so gut gefallen. Derart gebauchpinselt habe ich ohne nachzudenken zugesagt. Erst im Nachhinein wurde mir bewusst, dass ich sehr wenig Erfahrung auf diesem Gebiet habe und ich keinen oder wenig Einfluss auf wichtige Faktoren wie die unbekannte Gruppe, die Location und die Lichtsituation habe. Und das Gruppenbild von »Jazz am Schießberg« ist allenfalls okay, wenn man die Rahmenbedingungen bedenkt: Kleines Zeitfenster, mieses Licht, niemand hatte große Lust und der Fotograf war Teil der Gruppe.

Gruppenfoto für »seite.an.seite«

Um es vorwegzunehmen: Alle meine Bedenken waren berechtigt, aber dennoch ist ein anständiges Gruppenbild entstanden, mit dem alle Beteiligten zufrieden sind und das ihnen außerdem viel Spaß gemacht hat – So kann ich das zumindest für mich zusammenfassen. Der Privatier-Status und die Pro-bono-Arbeit schaffen Freiräume, die ich früher nicht kannte: Ich kann und darf so viel Zeit und Energie für vermeintlich Unbedeutendes aufwenden, ohne mich dafür betriebswirtschaftlich oder zeitökonomisch rechtfertigen zu müssen. So kann ich dem »Prinzip guter Arbeit« in entspannter Form huldigen. Zunächst habe ich also recherchiert, was es mit »seite.an.seite« auf sich hat. Zusammenfassend lässt sich das wie folgt beschreiben:

»Es geht um eine besonders persönliche, kreative und zugleich fachlich begleitete Form der Resilienzförderung für Grundschulkinder. Beim begleiteten Sandspiel stehen die Beziehung zu den Kindern und die ungeteilte Aufmerksamkeit für jedes einzelne Kind im Mittelpunkt. Das Besondere an diesem Format ist, dass jedes Kind seine eigene Begleitperson hat. Durch das nonverbale Spielen mit Figuren und Gegenständen in einer kleinen auf dem Tisch stehenden Sandkiste können Gefühle und Erfahrungen ausgedrückt und bearbeitet werden. Die Ziele sind Entlastung, Selbstständigkeit und Selbstwirksamkeit. Die Kurse finden im regulären Schulbetrieb statt, werden von geschulten Ehrenamtlichen durchgeführt und von Fachleuten begleitet.«

Wow! Es würde also darum gehen, ein Gruppenbild zu machen, das Vertrauen, Zugewandtheit, Offenheit, Freundlichkeit, Verbindlichkeit und Seriosität ausdrückt oder zumindest nicht ausschließt ;-)

Der Rathausplatz in Calw-Stammheim mit dem Begegnungs- und Kulturtreff »Alte Feuerwehr« im Hintergrund. Er ist von Straßen eingerahmt und nirgends ist ein Hintergrund zu finden, der nicht zu unruhig oder monoton ist und zugleich einen Bezug zum Ort bietet.

Als Nächstes habe ich mir die Location im Rahmen einer Radtour angesehen. Wie befürchtet, war das nicht sehr ergiebig. Das Café »Alte Feuerwehr«, in dem sich die Gruppe zur Teambesprechung trifft, ist zwar ebenfalls ein fantastisches Projekt von Bürgern für Bürger, aber es gab weder innen noch außen einen geeigneten Hintergrund für ein Gruppenfoto. Zudem lag der Platz vor dem Café zum vereinbarten Zeitpunkt bereits voll in der Sonne. Auch im weiteren Umfeld habe ich nichts gefunden, was zum angestrebten »Kontext« des Gruppenbildes gepasst hätte. Also musste am Tag X improvisiert werden.

Auch meine weiteren Recherchen zu Tipps und Tricks für Gruppenbilder im Internet waren nicht besonders ergiebig. Sie bestätigten mir jedoch immerhin meine Vorgehensweise in Bezug auf Stativ-Verwendung, Lichtführung, Brennweiten, Blende und Verschlusszeit sowie Mindset. Denn eines ist klar: Eine Gruppe vertraut sich nur einem Fotografen an, der weiß, was er tut – oder es zumindest überzeugend vorspielt ;-)

Unter die Rubrik »Glück« fällt, dass der Himmel zum vereinbarten Fototermin leicht bedeckt war, die Gruppendynamik gestimmt hat und das Orga-Team mir so schnell vertraut hat. Dieser menschliche Faktor macht sehr wahrscheinlich erst den Sprung von der »Pflicht« zur »Kür« möglich. So stellen gute Porträtfotografen immer erst eine vertrauensvolle Beziehung her, bevor sie mit dem Fotografieren beginnen. Ein wenig davon ist mir, glaube ich, bei dem seite.an.seite-Gruppenbild gelungen einzufangen: Gemeinschaft und Vertrauen. Am Ende war das Gruppenfoto also tatsächlich beides: eine Pflichtaufgabe und eine kleine Kür. Die Vorbereitung hatte den Rahmen geschaffen, das Glück den Rest erledigt – vor allem aber das Vertrauen der Gruppe. Dafür bin ich Petra, Barbara, Bettina, Ulrike, Maren und Hartmut sehr dankbar.

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