Frühjahr und Endgegner: Hartriegel
Seit ich ein Makroobjektiv im Fundus habe, scheint mir die Natur geradezu hönisch zuzurufen: »Versuch doch, meinen flüchtigen Zauber mit deinem törichten Fotoapparat einzufangen!«
Insbesondere der Hartriegel vor unserem Essplatzfenster ist – nomen est omen – so eine harte Nuss, quasi ein Endgegner: Jeden Morgen steht er betörend schön im leichten Gegenlicht, doch jedes Foto, mit dem ich versucht habe, diesen Zauber in der Totalen einzufangen, ist bisher im digitalen Nirwana gelandet.
Abgesehen vom »Endgegner« Hartriegel gelingen mir inzwischen immer wieder Aufnahmen, die das von Mutter Natur zelebrierte Frühjahrsspektakel auf eigene Art und Weise einfangen. Dabei ist es immer wieder faszinierend und zugleich ernüchternd, wie sehr sich das menschliche Sehen bzw. unsere Wahrnehmung von dem unterscheidet, was eine Kamera abbildet. Das ist auch der Grund, warum sich Fotos von Vegetation meistens nicht mit dem Original messen lassen. Ein fotografischer Kunstgriff, um dieses Dilemma zu umgehen, ist die Reduktion und Konzentration aufs Detail, wie beispielsweise bei der Makrofotografie. Dabei ist es oft gar nicht so entscheidend, dass man Kleines besonders groß abbildet. Vielmehr ist es die Lenkung des Blicks auf Details, die unserem unsteten Blick sonst entgehen würden.
Wer es sich besonders schwer machen möchte, verwendet dafür eine Vollformatkamera und ein 100 mm Makroobjektiv. Eine solche Kombination ist zwar äußerst leistungsfähig, zeigt aber auch erbarmungslos jeden Fehler auf. Neben Motiv, Ausschnitt und Licht gilt es insbesondere, den Fokuspunkt und die meist sehr geringe Tiefenschärfe richtig zu platzieren. Der gestalterische Umgang mit der geringen Tiefenschärfe, noch dazu in freier Natur, ist für mich ein Geduldsspiel mit langer Lernkurve – besser gesagt, ich befinde mich am Anfang der Klothoide ;-)
Betrachter, die vor allem Handybilder gewohnt sind, wundern sich vielleicht über die wenigen scharfen Bildbereiche – das kann doch jedes Handy besser. Ja und nein. In jedem Fall ist es mit dem Handy einfacher, respektable Nahaufnahmen zu machen, die wegen der größeren Tiefenschärfe ziemlich beeindruckend aussehen können. Das Metier der »richtigen« Kamera bleibt im Moment noch die bewusst gesetzte selektive Schärfe, die den Blick genau dorthin lenkt, wo ihn der Fotograf haben möchte, und die für ein butterweiches und harmonisches Bokeh (Hintergrund) sorgt.
Wer nun vor dem Bildschirm den Kopf schüttelt oder sich gerne an die Stirn tippen würde, ich kann alles verstehen. Seid also frei, hier eure Meinung kundzutun. Brutaler als Mutter Natur könnt ihr, liebe Freunde der leichten Unterhaltung, eh nicht sein ;-)
Frank Wein
am #Stefan Stiener
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