StorytellingStefan Stiener

Fotografie – Passion und Realitätsversprechen

27.06.2026 |

Ursprünglich wollte ich einen locker-flockigen Artikel über die Höhen und Tiefen meiner Foto-Passion schreiben.

Aber wie heißt es doch so schön: »Wenn du Gott zum Lachen bringen willst, dann erzähl ihm von deinen Plänen.« Denn erst durch die Auseinandersetzung mit dem Phänomen »Foto« habe ich meine Art zu fotografieren verstanden ;-)

Es war um mein 17. Lebensjahr herum, als mein wunderbarer und für die damalige Zeit ausgesprochen hobbyaffiner Onkel Erwin, mit dem ich allenfalls über 20 Ecken verwandt war, sich seines Schwarz-Weiß-Fotolabors entledigen wollte und in mir einen Abnehmer sah – frei nach dem Motto: »Der Bursche braucht ein (Männer)Hobby.« Neben den Kenntnissen und Fähigkeiten des Fotografierens musste ich auch gleich noch das Entwickeln von Filmen und Fotoabzügen erlernen. Es war also ein von Höhen und Tiefen geprägter Hardcore-Einstieg.

Warum fotografiert der Mensch – respektive ich?

Die Psychologie hat eine Antwort darauf: »Menschen fotografieren, um Momenten Bedeutung zu geben – als Erinnerung, als Ausdruck ihrer Persönlichkeit und um sich selbst und die Welt besser zu verstehen.« Das ist gar nicht schlecht, wie man auf Schwäbisch sagen würde, und ich kann mich darin ganz gut wiederfinden. Darüber hinaus ist die Fotografie für mich eine visuelle Sprache, mit der ich Eindrücke gezielt aufnehmen und wiedergeben kann. Es ist auch ein kreatives »Werkeln« und eine Auseinandersetzung mit unterschiedlichsten Umgebungen und Situationen. Das mag jetzt vielleicht etwas abgehoben klingen, aber diese psychologisch-philosophische Gemengelage hat mich über 20 Jahre hinweg vorwiegend intuitiv bei der Produktfotografie für die Marke Velotraum geleitet.

Minimax-Prinzip und Verwertungszwang

Auch in der Fotografie scheint sich die Welt zunehmend zu polarisieren. Durch das Smartphone können Fotos von uns allen und zu jeder Zeit gemacht werden. Das ist völlig alltäglich geworden und passiert in der Regel unbewusst und unbedarft, was sich auch in der Qualität der Fotos hinsichtlich Ausschnitt, Motiv usw. bemerkbar macht. So sollen im Laufe eines Lebens über 40.000 Schnappschüsse zusammenkommen. Auf der anderen Seite gibt es die passionierten Fotografen, für die kein Aufwand – sei es in Bezug auf Zeit, Entfernung oder Ausrüstung – zu groß ist, um ein Motiv in Szene zu setzen. Ich fühle mich da irgendwo im Mittelfeld, da ich kein Location-Fotograf bin, sondern eher im Storytelling-Modus denke und agiere. Ich würde also nie hunderte Kilometer für ein Fotomotiv reisen oder mitten in der Nacht aufstehen, nutze aber natürlich Gelegenheiten, die sich mir bieten.

Das macht es aber auch nicht immer einfacher. Denn als Fotograf hat man immer den Verwertungsgedanken im Hinterkopf, egal, was man unternimmt und erlebt. Eigentlich hatte ich gedacht, dass ich das nach meiner »beruflichen« Produkt- und Content-Fotografie für Velotraum entspannter sehen würde, aber dem ist nicht so. Im Gegenteil, denn nun ist das Themenfeld nicht mehr durch den Markenrahmen eingehegt, sondern fast unermesslich. Dennoch ist die Verschiebung vom Fotografen als Content-Produzent zum Fotografen als Zeuge ein enormer Gewinn für mich.

Bildergalerie: Fotograf als Zeuge

Anachronismus Ausrüstung

Prinzipiell ist es fragwürdig, Hobbys oder Leidenschaften zu rationalisieren. Aber auch hier schadet eine gewisse Reflexion nicht. Es ist gleichermaßen faszinierend wie bedrohlich, dass aktuelle Smartphones über eine so gute Fotofunktion verfügen und in vielen Belangen einer DSLR-Vollformat-Kamera überlegen sind – allein schon wegen der Einfachheit, der Größe, der Verfügbarkeit und des großen Bildschirms, der die Motivsuche und -erkennung wesentlich erleichtert. Zudem muss man sich nicht damit herumärgern, das falsche Objektiv dabei zu haben bzw. dass einem grundsätzlich immer ein, zwei oder drei Objektive in der Ausrüstung fehlen. Warum tut man sich also heute noch die ungeheure Komplexität, Größe, das Gewicht und die horrenden Kosten für eine »richtige« Fotoausrüstung an? Vielleicht, weil traditionell sozialisierte Fotografen wie ich das Handy nie als adäquates Werkzeug »begreifen« können und wollen. Die Beherrschung des Apparats ist schließlich ein Ritual und nicht unwesentlicher Teil des kreativen Prozesses. Und dann bilde ich mir ein, dass ich Unterschiede sehe, wenn Fotos großformatiger gedruckt oder betrachtet werden, also der Smartphone-Bildschirm nicht mehr der Maßstab ist. Hier werden physikalisch gewonnene Informationen und Gesetzmäßigkeiten sichtbar, die im Moment noch keine KI nachbilden kann. Insbesondere dann, wenn man im sogenannten RAW-Modus fotografiert und die Bilder selbst »entwickelt«, statt dies dem Algorithmus zu überlassen. Damit wären wir bei einem weiteren ambivalenten Aspekt von »Fotos«.

»Ça a été« – es war.

Das (alte) Realitätsversprechen der Fotografie – Zunächst die Klarstellung, dass ein Foto noch nie die Realität wiedergegeben hat, sondern immer nur eine Perspektive darauf. Jede Aufnahme ist somit subjektiv. Entscheidend ist jedoch, dass sie einen Realitätsanker hat, wie Roland Barthes in seinem Werk »Die helle Kammer« schreibt, und sich somit von KI-Simulationen (Konstruktionen aus Algorithmen ohne physische Basis) unterscheidet. Dennoch sind bei der Betrachtung und Beurteilung von realen Fotos Kulturtechnik und gesunder Menschenverstand gefragt. Ersteres haben wir uns zumindest für Fotografien in den letzten 200 Jahren angeeignet.

Gretchenfrage: Fake oder Realität?

Die Bearbeitung bzw. Manipulation von Bildern ist sicherlich so alt wie die Fotografie selbst. Mit KI haben sich inzwischen völlig neue Dimensionen aufgetan, die die gesamte Wissens- und Kreativarbeit einverleiben und verwerten. Das Maß der Beeinflussung und Manipulation ist damit ins Hochproblematische gestiegen, während der Wert »echter« Inhalte radikal gefallen ist. Diese müssen (und werden) neu entdeckt und wertgeschätzt werden.

Authentizität und Vertrauen

Auch ich benutze für die Bildbearbeitung die üblichen Programme wie Lightroom und Photoshop – und somit KI. Im Prinzip ist das nichts anderes als eine besonders leistungsfähige digitale Dunkelkammer. Allerdings beschränke ich mich dabei sehr stark – schon allein aus Zeitgründen. Mein Ziel und Leitfaden für die Fotobearbeitung ist die Stimmung, die ich beim Fotografieren empfunden habe und die ich mit dem bearbeiteten Foto ausdrücken möchte. Damit hat man eigentlich schon genug zu tun. Für mich bleibt die physische Aufnahme die Basis eines guten Fotos, auch wenn die RAW-Datei nicht mehr auf Zelluloid, sondern auf einem Chip belichtet wird.

Zurecht lässt sich einwenden, dass Betrachter nicht erkennen können, wie stark das digitale Negativ später bearbeitet oder manipuliert wurde. Neben den bereits erwähnten Kulturtechniken gewinnen an dieser Stelle Authentizität und damit einhergehend Vertrauen an großer Bedeutung. Für meine Bilder strebe ich Authentizität im Sinne von Echtheit, Glaubwürdigkeit und Zuverlässigkeit an. Oder auch das, was auf den ersten Blick selbstverständlich erscheint: »Die Sache existiert«, also eine Verbindung aus Wirklichem und Vergangenem. Dazu ein paar handfeste Beispiele: Wenn kein dramatischer Himmel vorhanden war, füge ich auch keinen hinzu. Stehen Autos auf dem Marktplatz, entferne ich sie nicht. Das Gleiche gilt für ein Bergtal, das völlig zersiedelt ist. Ich fotografiere es nicht so, als wäre es unberührt.

Bei meiner Auseinandersetzung mit dem Wesen der Fotografie habe ich für mich erkannt, dass dies mehr als eine skurrile Marotte ist. Es ist mir ein elementares Bedürfnis, mich mit »richtiger« und »geerdeter« Fotografie auszudrücken. Und ich kann mir vorstellen, dass so etwas wieder an Wert gewinnt, denn die meisten Menschen halten echte Bilder schließlich für essenziell. Es ist eine bewusste Positionierung gegen Überwältigungsfotografie, Fake News und KI-Müll.

Zum Abschluss: Undatiertes Selbstporträt, aufgenommen mit meiner ersten Kamera, einer Minolta XG2.

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