StorytellingStefan Stiener

Ganzheit à la Aristoteles als Dinner-Show

16.04.2026 |

Ab und zu muss man seine Komfortzone bzw. den Hürdenparcours der eigenen Vorurteile überwinden. Vor 45 Jahren war das meine Horrerdisziplin im Zehnkampf ;-)

Als uns Freunde einen Zeitungsartikel über Harald Wohlfahrts »Palazzo« mit dem Hinweis »Wir gehen dahin« zukommen ließen, überwog zunächst die Skepsis, obwohl jene Freunde unsere bewährten »Kulturbeauftragten« sind.

Von diesem Event hatten wir zwar schon gehört, hatten es aber immer unter der für unseren Geschmack zu leichten Muße eingeordnet. Allein der Begriff »Dinner-Show« lässt bei mir alle Aversionslämpchen angehen. Daran konnte auch die Homepage der Veranstaltung nichts ändern. Den Ausschlag, uns auf diese kostspielige Veranstaltung einzulassen, gab die Empfehlung unserer Freunde, die die Show bereits im Jahr zuvor gesehen hatten. Als wir den Termin dann auch noch auf Patricias Geburtstag legten, war die letzte Hürde ohne Berührung genommen.

Begeistert, beeindruckt, verzaubert …

Um es kurz zu machen: Wir fanden es großartig! Nicht sofort und von Anfang an, aber schon recht früh im Laufe des langen Abends. Das Palastzelt, eine Replik des historischen Vorbilds, steht etwas verloren auf einem großen Parkplatz auf dem Cannstatter Wasen, umgeben von Schnellstraßen und deren Zubringern. Dafür kann man quasi direkt vor dem »Loch« respektive Eingang parken. Kurzum, die Umgebung erfüllte erst einmal alle meine Vorbehalte.

»Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile«
Aristoteles

Die ersten Risse in meiner Reserviertheit gab es, als wir das Zelt betraten. Das war schon beeindruckend, und mein Fotografenherz schlug gleich mehrere Gänge höher. Hatte ich zuerst noch überlegt, die Kamera mitzunehmen, hätte ich mich spätestens zu diesem Zeitpunkt in den Allerwertesten gebissen. Dank der Erfahrungswerte unserer »Kulturbeauftragten« hatten wir einen prima Tisch auf der Empore, der einen sehr guten Überblick bot. Und dann ging es auch schon los.

Das Ensemble-Wunder

Anlässlich des 20-jährigen Palazzo-Jubiläums hieß die Show »Geisterstunde«. Das wurde mir erst später klar, da ich mich bereits im Motiv-Overkill befand. Die Darbietungen der grandiosen Artisten und Künstler waren in eine perfekt und aufwändig choreografierte Show eingebettet, die keine Durchhänger hatte. Ganz im Gegenteil. Die Abfolge von Musik, Darbietungen, Entertainment und dem Vier-Gänge-Menü folgte einem hochprofessionell und präzise konzipierten Spannungsbogen, der einen um 23 Uhr förmlich aus dem Palazzo schweben ließ.

Auch mit etwas Abstand und im Rückblick gibt es daran nichts zu relativieren. Zumindest bei mir hat die Show gleich über mehrere emotionale Pforten Zutritt gefunden. Sehr wahrscheinlich war es die Ganzheitlichkeit im Sinne von Aristoteles, die mich so fasziniert und beeindruckt hat. Zwar war jeder Artist und Künstler für sich herausragend, doch erst deren Zusammenarbeit als Ensemble ermöglichte dieses Gesamtkunstwerk. Auch das Zelt, die grandiose Lichtechnik, die Band und ihr Musikprogramm waren damit untrennbar verbunden. Es ist ein ganz wunderbares Beispiel bzw. eine Metapher, die zeigt, welche Voraussetzungen und Zutaten herausragende Ergebnisse hervorbringen. Ach ja, und dann war da noch das Essen. Die vier Gänge waren wunderschön in das Programm integriert, inszeniert und eine willkommene Verschnauf- und Stärkungspause. Das Essen selbst war auf gehobenem Niveau, für mich aber nicht der Hauptgrund, die Palazzo-Show zu besuchen. Den Hut ziehe ich jedoch vor der Leistung des Küchen- und Serviceteams, das über 200 Gäste reibungslos und geschmeidig ver- und umsorgte – Chapeau!

Kritikpunkt Preisegestaltung

Allerdings ist so ein Abend nicht gerade günstig, es kommen so gut 200 EUR pro Person zusammen. Mich stört dabei weniger die Gesamtsumme, sondern vielmehr die Salamitaktik, die hier unnötigerweise zum Einsatz kommt. Zum Ticketpreis kommt nämlich jeder Pups dazu, egal ob Parken, der angebotene Limoncello – beim Italiener geht der auch aufs Haus – oder der Kaffee. Ich hätte es stimmiger gefunden, wenn ein paar Dinge schon inkludiert gewesen wären und das Ticket dafür etwas teurer gewesen wäre. Damit wäre dann auch noch das Haar in der Suppe gefunden und bemäkelt ;-)

Tipps für den Besuch

Würden wir wieder hingehen? Ja in jedem Fall. Vielleicht nicht gleich wieder nächstes Jahr aber ganz sicher in zwei Jahren. Für den Besuch vielleicht noch ein paar Tipps:

  • Nehmt einen Logentisch – die sind etwas weiter weg von der Bühne, dafür hat man aber den besseren Überblick und niemanden im Rücken ;-)
  • Am Ende der Spielzeit ist das Zelt nicht mehr ausgebucht, sondern nur noch gut gefüllt. Wir hatten dadurch einen Sechser-Tisch zu viert, was sehr angenehm war.
  • Keine Weinbegleitung – Darauf würde ich beim nächsten Mal verzichten und lieber eine Flasche Wein nehmen.
  • Alle weiteren Informationen unter Harald Wohlfahrt PALAZZO. Ich wünsche euch liebe Freunde der gepflegten Unterhaltung einen tollen Abend!

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