Chemnitz – Work in Progress
Auslöser für den Besuch war tatsächlich die Auszeichnung zur Kulturmetropole, die unsere Neugier auf die ehemalige Karl-Marx-Stadt geweckt hat – trotz ihres Rufs als nüchterne Industriestadt, die ihre besten Zeiten hinter sich hat. Von den rechtsradikalen Umtrieben ganz zu schweigen …
Wir sind mit dem Wohnmobil angereist, da Hotels einfach nicht so unser Ding sind und wir zudem unsere Räder dabei hatten, die unser liebstes Fortbewegungsmittel in der Stadt sind. Zumindest auf Mapout sah die Infrastruktur der Radwege ganz passabel aus. Passend für eine Industriestadt mit vielen Konversionsflächen lag der privat betriebene Stellplatz auf dem ehemaligen Areal der »Alte Germania«.
Vorweg schon mal der Hinweis, dass unser Chemnitz-Besuch auch ohne das Kulturhauptstadt-Brimborium kaum anders ausgesehen hätte, sprich: Es braucht den Kulturhauptstadt-Rahmen nicht, um Chemnitz zu besuchen.
TAG EINS
Nur einen Steinwurf vom Stellplatz entfernt gelangt man auf den Radweg, auf dem man immer dem Park und der Chemnitz folgend ins Stadtzentrum bzw. in dessen Randgebiete kommt. Wir sind vorher links zur »Villa Esche« abgebogen und anschließend mit den Rädern und zu Fuß durch die Stadt mäandert.
TAG ZWEI
Es war tatsächlich noch einmal spürbar kälter geworden, weshalb wir uns mit einer zusätzlichen Bekleidungsschicht auf den Weg zum Wasserschloss Klaffenbach machten. Dort genossen wir die ländliche Atmosphäre, die wärmende Sonne und die generell sehr entspannte Stimmung. Anschließend ging es wieder in die Stadt, denn heute war Museumstag.
TAG DREI
Heute wollten wir dem Phänomen »Garage 3.000« endlich einmal auf die Schliche kommen, das für uns bisher völlig abstrakt und unsichtbar geblieben war. Der Begriff steht für die rund 30.000 Garagen der Stadt, die meist aus DDR-Zeiten stammen und als Kreativräume, Archive und Treffpunkte genutzt werden. Auf unseren Fahrten durch die Stadt haben wir unzählige Garagen gesehen, alles andere aber nicht. Ausgangspunkt war das Straßenbahnmuseum.
TAG VIER, …
Unsere Stadt-Aufnahme-Kapazitäten waren erschöpft und unser Erlebnis- und Eindrucksspeicher übervoll. Daher beschlossen wir, einen Tag früher als geplant noch etwas vom Umland in Richtung Erzgebirge zu erkunden – soweit es das weiterhin kalte und wechselhafte Wetter zulassen würde.
Resümee
Uns hat Chemnitz gut gefallen, auch wenn es keine Postkartenstadt ist, sondern eine Stadt im Wandel. Wir haben nur einen Ausschnitt gesehen und längst nicht alles verstanden. Wer jedoch Freude daran hat, eine Transformationsstadt zu entdecken und zu verstehen, wie sich eine ehemals bedeutende Industriestadt neu erfindet – als Kunst- und Kulturstadt, Wirtschafts- und Wissenschaftsstandort, lebenswerte mittlere Großstadt mit attraktivem Umland und Tor zum Erzgebirge –, für den ist Chemnitz eine Reise wert. Wir haben uns dort wohlgefühlt. Einziger Punktabzug: die Radwegeinfrastruktur. Dafür punktet die Stadt aber mit einer hochmodernen Stadtbahn. Wir wären gerne auch noch weiter in Richtung Erzgebirge gefahren, aber das Wetter hat uns leider einen Strich durch die Rechnung gemacht. Unsere kleine Radtour nach Annaberg-Buchholz war da nur ein »Gruß aus der Küche« einer tollen Region.
Frank Wein
am #Aebby
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